INTERVIEW MIT ANDRII IN ODESA im CP3-2

Foto: An diesem schönen Ort haben wir das Interview geführt.

Im Rahmen unserer Reise im Juli 2026 in die Ukraine haben wir in Odesa das Hausprojekt CP3-2 besucht. Die alte Schiffreparaturfabrik liegt mitten in Odesa am Schwarzen Meer. In unmittelbarer Nähe befinden sich der Industriehafen und riesige Hotels. Das Haus selbst ist an vielen Stellen baufällig und vom Regenwasser feucht. Für die Reparatur des Daches haben wir vor unserer Reise Geld gesammelt und Dachpappe besorgt. Das Projekt ist seit vielen Jahren selbst organisiert und die Bewohnenden gestalten und verwalten den Ort autonom. Es gibt private Schlafzimmer, ein gemeinsames Bad, Gemeinschaftsräume, Werkstätten und im Sommer eine Küche im Freien. Hier leben dauerhaft etwa neun vegane Aktivist*innen.

In diesem Interview sprechen wir mit einem anderen Aktivisten und Künstler, der in CP3-2 lebt. Er berichtet ebenfalls über das Leben im Haus und was es für ihn bedeutet. Außerdem berichtet er uns über die Arbeit bei SAD (Street Aid Daily) und ein bisschen etwas über seine Kunst.

INTERVIEW MIT ANDRII IN ODESA

Frage: Hallo, kannst du dich kurz vorstellen?

Andrii: Hallo, ich bin ich Andrii. Ich komme aus Odesa. Ich mache Kunst, verschiedene Kunst und ich bin Aktivist.

Frage: Was bedeutet das CP3-2 für dich?

Andrii: Mein ganzes Leben lang habe ich mich eigentlich immer wie ein Streuner gefühlt. Ich bin immer von einem Ort zum nächsten gerannt und es gab keinen Ort, an dem ich zu Hause gefühlt habe. Jetzt ist dieser Ort in gewisser Weise mein Zuhause.

Frage: Und was bedeutet es, hier zuhause zu sein?

Andrii: Es ist schön einen Ort zu haben, an dem man so ein bisschen lieber aufwacht als an anderen Orten. Ich kann hier sein, wie ich bin. Und es ist cool nicht allein zu sein. Hier gibt es viele Leute, die ähnlich denken wie ich und die manchmal für einen kochen, oder wir kochen zusammen und essen gemeinsam. Und dadurch entsteht diese Gemeinschaft.

Frage: Mit wie vielen Leuten lebt ihr hier? Und wie kommen Leute an diesen Ort?

Andrii: Wirklich dauerhaft leben hier in der Regel 8 bis 9 Leute. Aber es gibt auch Leute, die nur eine Zeit lang hier wohnen. Zum Beispiel, weil sie zum Arbeiten hierher kommen oder den Sommer hier verbringen. Also im Sommer sind hier generell mehr Menschen und dann sind wir so 15-16 Leute.

Frage: Und was macht ihr hier im Haus?

Andrii: Also es gibt die Aufgaben im Haus, die erledigt werden müssen, zum Beispiel Kochen und Aufräumen. Das machen eigentlich mehr oder weniger die gleichen Leute. Und es gibt auch Aktionen um das Haus herum. Ich helfe nur dabei. 
Wir haben eine Initiative – SAD, Street Aid Daily, wo wir wohnungslosen Menschen helfen. Da bin ich viel aktiv. Wir packen beispielsweise Pakete mit wichtigen Gegenständen, wie Schlafsäcken, Essen, Hygieneartikel und so weiter und geben die dann aus. Ein Teil dieser Arbeit findet auch hier im Haus statt. Ich male und mache Kunst mit den Menschen, und das Material dafür lagert auch hier.

Frage: Kannst du noch ein bisschen mehr über die Initiative erzählen? Wie ist diese Arbeit und wie sind die Leute, die ihr supportet?

Andrii: Die Ausgabeaktionen, die wir machen, finden jeden Sonntag statt, in der Nähe vom Bahnhof. Das hat sich einfach so ergeben, weil sich dort viele Wohnungslose aufhalten und auch andere Initiativen freiwillig u. a. Essen verteilen. Wir geben dort Dinge des täglichen Bedarfs aus, beispielsweise Zahnpasta, Zahnbürsten, Seife, Unterlagen, auf denen man schlafen kann. Wichtig sind auch Zigaretten, die sind ganz wichtig! Medizinische Präparate können wir nicht verteilen, weil wir dafür keine Genehmigung haben. 
Die Leute, denen wir helfen, sind Wohnungslose aus Odesa, aber auch viele Leute, die aufgrund des Krieges nach Odesa gekommen sind und Leute, die nicht unbedingt wohnungslos sind, sondern in prekären Verhältnissen leben. Eben zum Beispiel, weil sie fliehen mussten.
Und nochmal kurz zurück zu der Kunst, die ich mit den Leuten mache. Oft ist es so, dass die Leute nicht so richtig Lust haben und ich sie erstmal motivieren muss. Ich bin selber Künstler und deswegen mache ich das. Wenn coole Bilder entstehen, dann drucken wir die auf T-Shirts oder machen Drucke davon und verkaufen die. Damit finanzieren unsere Arbeit.
Und es geht schon auch irgendwie darum, über solche Aktionen eine gemeinsame Sprache zu finden und nicht einfach nur etwas auszugeben und dann wieder zu gehen. Das dauert halt eine Weile. Aber das gibt den Menschen auch ein bisschen emotionalen Support, wenn man eine Beziehung zu ihnen aufbaut, sie auch mal in den Arm nimmt, weil es ihnen oft einfach beschissen geht und sie traurig, und das kann dann auch helfen.
Ja, ich glaube das ist, was ich über SAD sagen kann.

Frage: Okay. Dann noch mal zu CP3-2 als Ort. Für mich ist das hier sehr besonders. Wir können das Meer sehen. Es ist mitten in Odesa, neben diesem schicken Hotel. Der Hafen ist auch nah. Wie kommt es, dass dieser Ort genau hier existiert?

Andrii: Irgendwie.
Also ja, es ist ein spezieller Ort, den gibt es schon seit ungefähr fünf oder sechs Jahren und dass er hier so existiert ist ein Glücksfall.
Es ist ein bisschen unklar, warum wir noch hier bleiben können, aber es ist noch so. Und das obwohl wir aus einer normativen Sichtweise vielleicht dreckige, unordentliche Leute sind. Normalerweise sind solche Orte von irgendwem gekauft worden und verfallen dann einfach. Und hier ist es aus irgendeinem Grund nicht so.
Naja und irgendwie leben wir hier auch in einer Art Eskapismus, in unserem kleinen eigenen Raum, der abgetrennt ist von der kapitalistischen Welt, und darin versuchen wir zu sein und irgendwie durchzukommen.

Frage: Wie besprecht ihr den Krieg hier in eurem Kollektiv oder in der Community?

Andrii: Wenn wir über den Krieg reden, dann machen wir das mit sehr viel Ironie, weil es irgendwie anders auch nicht geht. Bei uns sind viele Leute, die in der Armee sind, die bald in die Armee gehen oder die in der Armee waren und eben auch andere. Uns ist allen klar, dass in der Armee auch sehr viel Scheiße abläuft und darüber reden wir und machen Witze. Über die Russen, die uns angreifen, machen wir nicht so viele Witze, aber über die Raketen und die Drohnen dann wiederum schon.nAnders hält man das nicht aus. Wir sitzen hier im Haus und hören den Lärm bei Luftangriffen, das ist einfach schrecklich und dann versuchen wir den mit unserem Scherzen zu übertönen.

Frage: Ja, ich habe gefragt, weil du am Anfang gesagt hast, dass du die Ukraine eigentlich verlassen möchtest, weil es mit dem Krieg sehr erschöpfend ist. Und auf der anderen Seite wissen wir, dass auch viele Leute entschieden haben, in die Armee zu gehen. Und ich habe mich gefragt, ob es, wenn ihr darüber redet, okay ist, dass Leute da unterschiedliche Positionen haben und auch andere Entscheidungen treffen?

Andrii: Bei mir ist es so, dass ich entschieden habe, ich will nicht an diesem Krieg teilnehmen, weil ich das Gefühl habe, dass ich darin nicht so kämpfen kann, dass ich etwas für mich erreiche, sondern eher für die ukrainischen Machthabenden und denen habe ich absolut nichts zu verdanken. Ich hatte mein ganzes Leben lang mit meinen eigenen persönlichen Problemen zu kämpfen. Meine Mutter hat lange auch gegen dieses System gekämpft und wir hatten sehr viele Probleme.
Es ist schon so eine Art Flucht und es ist schwierig, das mit sich auszuhandeln, aber ich habe das so für mich entschieden. Im Kollektiv ist es so, dass es zu diesem Thema unterschiedliche Positionen gibt, aber meine Position da auch akzeptiert wird. Und gerade die Leute, die gekämpft haben und die in der Armee waren, haben da viel Verständnis, weil sie wissen, dass es wirklich hart ist. Ich werde deswegen nicht angefeindet oder so.

Frage: Vielen Dank! Magst du noch etwas zum Abschluss sagen?

Andrii: Wir leben in einer grausamen Welt und wir stecken richtig tief in der Scheiße, aber die Zukunft wird hoffentlich richtig geil!

Im Oktober 2026 werden wir unsere nächste Reise antreten.
Wir werden auch wieder in Odesa vorbei schauen, aber auch nach Kharkiv fahren um Humanitäre Unterstützugn zu leisten.
Bitte unterstützt unsere Spendenkampagne.

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