AUFRUF DER ERSTEN GELBWESTEN-VERSAMMLUNG DER VERSAMMLUNGEN

Um weiter an den Ereignissen in Frankreich dran zu bleiben, veröffentlichen wir das Statement, dass aus der ersten GELBWESTEN-VERSAMMLUNG DER VERSAMMLUNGEN hervorgegangen ist, vom Sonntag, den 27. Januar 2019.


Wir, Gilets Jaunes aus Kreisverkehren, Parkplätzen, Plätzen, Versammlungen, Demonstrationen, haben uns am 26. und 27. Januar 2019, dem Aufruf der Gilets Jaunes von Commercy folgend, zu einer Versammlung der Versammlungen getroffen, welche um die hundert Delegationen umfasste.
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Solidarität mit der Gelbwesten-Bewegung – gegen Polizeigewalt und soziale Sicherheit für alle

Im Rahmen der Großdemonstration am 26.01.2019 gegen das geplante sächsische Polizeigesetzt, gab es eine Aktion um sich mit den Gelbwestenprotesten zu solidarisieren. Soziale Sicherheit für alle, gegen die Polizeigewalt und die Militarisierung von Polizei überhaupt waren dabei der Fokus.
Wir haben hier den Redebeitrag dokumentiert und wollen euch noch auf einen Text zu den Protesten in Frankreich hinweisen, der im neuen Circle-A erschienen ist.

Viel Spass beim Lesen.


Redebeitrag vom 26.01.2019

Stellen sie sich vor es gibt eine soziale Bewegung, die seit 14 Wochen ihre Unzufriedenheit, ihre Existenzängste und ihre Wut auf ide Straße trägt.
Stellen sie sich vor die Straßen sind gefüllt von Arbeiter*innen, Menschen ohne Lohnarbeit, Rentner*innen, ein paar Kleinunternehmern.
Sie besetzten Plätze, halten Versammlungen ab, blockieren Autobahnauffahrten und Supermärkte, sie überwinden ihre Ohnmacht in der Vereinzelung des kapitalistischen Staates.
Stellen sie sich vor der Staat sieht sein Gewaltmonopol in Frage gestellt. Und geht gegen diese Menschen mit Granaten, Tränengas und Gummigeschossen, berittener Polizei, Wasserwerfern und Schlagstöcken vor.
Stellen sie sich vor, dass mindestens 1700 Menshcen verletzt wurden.

In Frankreich erleben wir seit Oktober 2018 eine soziale Bewegung, die Gelbwesten Proteste. Es sind jeden Samstag hunderttausende Menschen. Ihre Gründe auf die Straße zu gehen sind so verschieden, wie ihre alltäglichen Probleme und Nöte. Aber was sie eint sind ihre Armut, ihre Existenzängste und ihre Unzufriedenheit. Es sind Menschen, die das demonstrieren nicht gewohnt sind, aber mit einer Gelassenheit Barrikaden errichten. Gelassenheit, weil sie eine vollkommene Legitimität verspüren ihre Wut gegen die Ungerechtigkeit zu zeigen.

Für viele Menschen gab es in den letzten 14 Wochen die Möglichkeit zusammenzukommen, über ihre Probleme und praktische Dinge zu sprechen, aus der Vereinzelung und Apathie auszubrechen. Es gab Versammlungen auf Kreisverkehren und vor Supermärkten, in Universitäten und auf öffentlichen Plätzen. Bemerkenswert ist, dass der Protest bisher von keiner Partei oder Organisation vereinnahmt werden konnte. Parteien in Frankreich und hier können sich mit dem Protest schwer identifizieren. Es gibt keine klaren Machtstrukturen, die Proteste sind nicht gut kontrollierbar.

Dem gegenüber steht die Ignoranz der Menschen, die von diesen Existenzängsten nicht berührt werden.
Dem gegenüber steht auch ein Staat, der soziale Probleme mit einem repressiven Polizeiapparat lösen will und der Einschränkung der Versammlungsfreiheit.

Über die verletzten Beamten, brennenden Mülltonnen und Barrikaden wird länglich berichtet. Über das Ausmaß der Verletzten der Demonstrant*innen erfährt mensch wenig. Überprüft ist jedoch, dass mindestens 1700 Demonstrant*innen verletzt wurden, unteranderem von Granaten und Schußwaffen. 94 von ihnen wurden schwer verletzt: mehrere Menschen verloren ein Auge, es gab abgerissene Gliedmaßen, mehrfache Brüche, klaffende Kopfwunden, riesige Hämatome, von den psychischen Schäden nicht zu reden. Mindestens eine Person wurde durch direkte Polizeigewalt getötet.

Schauen wir auf die Verschärfung der Polizeigesetzte in Deutschland sehen wir einen Zusammenhang. Im sächsischen Polizeigesetz finden wir die Aufrüstung mit Maschinengewehren und Handgranaten, das sind Kriegswaffen. Die Distanz zwischen Polizei und Bevölkerung nimmt zu, widerständige Menschen werden zu Feinden. Deshalb stellen wir uns ganz klar gegen staatliche Repression als Lösungsvorschlag für soziale Unzufriedenheit.

Wir haben entschieden uns heute hier mit den Gelbwesten zu solidarisieren.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Wir erkennen, dass sich soziale Probleme nicht mit einer repressiven Ordnungspolitik lösen lassen. Wir sehen in den Gelbwestenprotesten eine vielfältige soziale Bewegung, welche unter anderem Armut, die Gentrifizierung in den Städten, die Vereinzelung und Lähmung im kapitalistischen Staat und die Militarisierung der Polizei thematisiert. Bei den Protesten zeigen sich viele Widersprüche, natürlich gibt es Widersprüche. Wie soll eine Protestbewegung von hunderttausenden Menschen homogen sein. Diese Widersprüche machen die Bewegung nicht weniger legitim, im Gegenteil sie zeigen wie breit und vielfältig die Nöte und Perspektiven in unserer Gesellschaft sind.

Allen Skeptiker*innen, die darauf verweisen, dass in Deutschland nur Nazis die gelben Westen tragen, möchten wir sagen, dass wir uns unsere Politik nicht von ein paar Pegidaanhänger*innen bestimmen lassen. Gerade wenn sie anfangen sich das Symbol anzueignen, dürfen wir uns das nicht wegnehmen lassen.

 


Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich – endlich bekommen die Kreisverkehre einen Nutzen!

Seit langer Zeit sind Frankreichs Kreisverkehre ein Grund für Ärger, wenn nicht sogar Verachtung. Sie haben einen zweifelhaften Nutzen, sind auf oft lächerliche Art mit bunten Sträuchern geschmückt und sind vielleicht grade deshalb prägende Elemente der französischen Vorstädte mit ihren Gewerbegebieten, riesige Betonwüsten, über die derzeit der kalte Wind fegt. Trotzdem hat gerade hier ein großer Teil der Gelbwesten-Bewegung ihren Anfang gefunden und hier lebt sie weiter. Auf kleinen Erdhügeln inmitten von Autos. Wir konnten mit ansehen, wie überall in Frankreich kleine Inseln der Wut entstanden.

Ein interessantes Merkmal dieser Bewegung ist, dass sie sich an Plätzen abspielt, die wir gerne als „Nicht-Orte“ bezeichnen. Diese Orte, an denen Menschen aneinander vorbeigehen ohne sich zu begegnen, verbildlichen eine Gesellschaft, in der das Individuum in der Masse vereinzelt lebt. Indem ausgerechnet diese Räume Tag und Nacht besetzt werden, rechnen die Leute mit ihnen ab. Am Straßenrand, bei den Blockaden der Autobahnen, Supermärkte und Fabriken mischt sich eine heterogene Menschenmenge. Viele Arbeiter*Innen für die, Dank des Mindestlohns, das Ende des Monats gefühlt schon am 15. kommt. Leute vom Land, die jeden Tag weite Strecken im Auto zurücklegen, um arbeiten zu gehen, die Kinder abzuholen oder einzukaufen. Alleinerziehende Mütter, Menschen ohne Lohnarbeit, Rentner*Innen. Ein paar Kleinunternehmer, mit denen es schwieriger ist über prekäre Lebensumstände zu sprechen, die aber trotzdem Probleme haben, ihr Unternehmen über Wasser zu halten, obwohl Sie Macrons neoliberalen Bild eines Self-Made-Man entsprechen. Menschen mit Migrationsgeschichte, die in prekären Arbeitsverhältnissen stecken. Alles in allem eine Vielzahl von Menschen, die oft als „unpolitisch“ gelabelt werden, die es aber heute, mitten im Dezember schaffen auf windigen Kreisverkehren zu stehen und die Absetzung der Regierung zu fordern. Seit dem 17. November protestieren die „Gilets jaunes“ (dt. Gelbwesten), blockieren die Straßen und besetzen Strategisch wichtige Punkte in den Städten und auf dem Land. Paris ist zum wöchentlichen Treffpunkt geworden.

Der schwarze Rauch über den Dächern ist ergreifend. Während der letzten Wochenenden herrschte eine greifbare insurrektionalistische Atmosphäre. Menschen, die das Demonstrieren nicht gewohnt sind errichten mit Gelassenheit Barrikaden. Gelassen, weil sie eine vollkommene Legitimität verspüren, ihre Wut zu zeigen. Viele von Ihnen kennen noch nicht die Repression und die Gewalt des Staates und sind darum weniger vorsichtig als die Demo-erfahreneren Militanten. Alte Menschen, Frauen und Männer, Jugendliche, Leute aus den Quartiers Populaires (Bezeichnung für die Ärmeren Stadtviertel, Anm. des Übersetzers), und andere, die offensichtlich der rechten Szene zugeordnet werden können. Die Präsenz von Faschisten in der Gelbwesten-Bewegung lässt sich nicht leugnen, auch wenn sie mit Sicherheit keine Mehrheit bildet. Die Identitäre Bewegung zeigt sich auf den Champs Élysées, Migrant*Innen werden wie gewohnt zum Sündenbock im rechten Diskurs, xenophobische Sprechchöre werden gerufen. Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass sich in der Bewegung bisher keine Anführer*Innen und keine zentralisierte Organisation herausgebildet hat. Der rassistische Ton ist deshalb kein Konsens und nicht repräsentativ für alle Menschen, die eine gelbe Weste tragen. Die Bewegung gehört den Faschos nicht mehr als den Quartiers Populaires, den Migrant*Innen oder den LGBTQ (Lesbians/Gays/Bis/Trans/Queers, Anm. des Übersetzers). Letztere spielen eine Tragende Rolle in der Mobilisierung. Das Comité Adama (Benannt nach dem schwarzen Franzosen Adama Traoré, der 2016 von französischen Cops getötet wurde, Anm. des Übersetzers) sowie das Comité CLAQ (Komitee für eine queere Befreiung und Autonomie) haben zu den Demos am 1. Dezember aufgerufen und einen sichtbaren und spürbaren Teil des Tagesgeschehens ausgemacht. Die Leute aus den Banlieues – aus den Stadtzentren ausgeschlossen und in die Peripherie verbannt – sind betroffen von der Sparpolitik, den steigenden Steuern und den niedrigen Löhnen. Deshalb fahren sie jeden Samstag nach Paris oder besetzen die Kreisverkehre in ihren Wohnorten.

Die gesamte Bewegung als rassistisch oder faschistisch zu verurteilen bedeutet deshalb auch alle anderen Leute zu vernachlässigen, die für sie kämpfen und ihr eine Form geben. Auch frühere sozialen Bewegungen, wie die der Loi Travail (Arbeitsgesetz) 2016 und die Proteste im Frühling 2017 waren nicht frei von xénophobischen Äußerungen. Sie wurden von der radikalen linken trotzdem als Legitim angesehen. Derzeit ist es tatsächlich so, dass die Gilets Jaunes den Platz in den Nachrichten füllen, der sonst für Meldung über die Gefahren des Islam und der Migration genutzt wird.

Klar, die französische Flagge und die Marseillaise (Französische Nationalhymne, Anm. des Übersetzers) stören. Ohne die Anwesenheit einer faschistischen Minderheit abstreiten zu wollen ist es dennoch wichtig anzumerken, dass diese Symbole für viele Menschen für ein revolutionäres Erbe stehen. Viele vergleichen Macron mit einem König – ein Bild an dem er mit seinen zeremoniellen Auftritten und Regierungspraktiken großzügig mitgearbeitet hat – und rufen zur Stürmung des Élysée (Amtssitz des franz. Präsidenten, Anm. des Übersetzers) in Anlehnung an den Sturm auf die Bastille auf. Der rassistische Diskurs ist nicht die Basis dieser Bewegung.

Die Bewegung richtet sich gegen alles und jene, die für das soziale Elend verantwortlich sind: Die Abschaffung der Vermögenssteuer, die astronomischen Gehälter der Regierungseliten, die Verringerung des Wohngeldes. Im Mittelpunkt stehen der Staat, Großkonzerne und die Eliten. Sichtbar wird dies durch Aktionen wie die Blockade der Fabrik von Louis Vuitton, l’Oréal und Amazon. Die Villa des Präsidenten des französischen Unternehmerverbandes wurde mit einem Banner geschmückt. Die altbekannte Islamophobie der Medien wird überschattet von sozialen Forderungen. Laurent Wauquiez von den Republikanern sowie Marine Le Pen riefen dazu auf am 15. Dezember nicht zu demonstrieren, um der Opfer des Straßbourger Attentats zu Gedenken. Sie forderten Ruhe und Ordnung. Von einem Großteil der Demonstrierenden wurde dieses Manöver durchschaut und sie gingen dennoch auf die Straße.
Die Gilets Jaunes vereinen eine Reihe von Kämpfen. Marseille zeigt diese Vielseitigkeit sehr gut. Hier gibt es seit einiger Zeit ein aktives Protestleben. Zum einen gibt es den Kampf um sicheres Wohnen, nachdem im Herbst mehrere Gebäude, in denen überwiegend arme Menschen lebten, im Stadtzentrum eingestürzt waren. Zum anderen gehen die Menschen gegen die Gentrifizierung des Viertels rund um den belebten Treffpunkt „La Plaine“ auf die Straße. Hinzu kommt die Studierendenbewegung. Sie Alle schließen sich den Gilets Jaunes an und schaffen somit eine starke Heterogenität. Die Riots, die Barrikaden, die kaputten Schaufenster sind die Spektakel der Samstage, nicht nur in den Großstädten. So ging zum Beispiel die Präfektur in „Puy en Velay“, einer Kleinstadt in Südfrankreich, am 8 Dezember in Flammen auf.

Der Staat zögerte nicht, die großen Geschütze aufzufahren. Gepanzerte Wagen, Pferde und tausende Cops füllen an den Wochenenden die Straßen. Die Repression ist gewaltvoll und radikalisiert so auch jene, die vor den Demos weniger Polizeikritisch waren. Sie zeigt jedoch Wirkung. Viele Militante haben mittlerweile Angst vor den nächsten Riots. Einige behaupten, dass die Bewegung nichts als Gewalt produziert, die die Leute berauscht, aber nicht weiterbringt. Im Gegensatz zu früheren Bewegungen ist es diesmal so besonders, dass sie sich auch außerhalb von Paris abspielt. Die unmöglichsten Orte werden besetzt, Menschen vereinigen sich und zeigen sich solidarisch. Wir treffen ein paar Frauen in der Normandie, die uns erzählten, dass sie sehr gerne jeden Abend zum Kreisverkehr kommen, es sei der beste Moment des Tages. Sie seien dort nun öfter als zu Hause, dass sie Leute kennengelernt haben und nun nichtmehr alleine sind. Auf einer dieser Besetzungen wurde auf einer der abendlichen Vollversammlung beschlossen, dass kein Alkohol erwünscht ist – „Sonst gibt’s zu viel Ärger“. Die Autos hupen und Passant*Innen bringen Essen und Trinken. Es wird übers Angeln und die kommenden Vorhaben im Leben geredet.

Es ist ein interessanter Moment, denn die Leute lernen sich kennen, brechen aus ihrer Routine aus, ihrer Vereinzelung, ihrer Stille und ihrer Apathie. Es wird sowohl über soziale Fragen als auch über praktische Dinge des gemeinsamen Lebens gesprochen. In Saint-Nazaire, einer Stadt bei Nantes, haben die Gilets Jaunes ein Gebäude einer Immobiliengesellschaft besetzt und in Haus des Volkes umbenannt (Der Volksbegriff „peuple“ ist in Frankreich nicht wie in Deutschland von rechts besetzt, Anm. des Übersetzers). Dieser selbstverwaltete Ort ist seit Ende November geöffnet. Die meisten Besetzer*Innen würden sich nicht im entferntesten als radikal bezeichnen. Sie lernen hier ihre Ideen mit anderen zu teilen und ihren Alltag als Gruppe zu gestalten. Zum ersten Mal ergreifen sie in einer großen Versammlung das Wort und rufen zur kollektiven Organisierung auf. Die Gilets Jaunes von Saint-Nazaire haben außerdem von Anfang an auf ihren antirassistischen Ansatz verwiesen. Dies geschah in Form eines Redebeitrags während der Blockade des Hafens.

An einer Mautstation in den Pyrenäen wurde für ein Liebespaar, das sich während der Besetzung kennenlernte, eine symbolische Hochzeit organisiert. Diese, vielleicht an sich belanglose, Anekdote zeigt beispielhaft die Lebhaftigkeit, den Einsatz und die Kreativität, die aus dem Kampf und den damit verbundenen Begegnungen entstehen können.

Für die radikale Linke ist es schwierig sich in die Bewegung einzubringen. Wir haben sie nicht erwartet und sie am Anfang schlechtgeredet, haben uns nicht an den Forderungen nach mehr Kaufkraft und einem besseren Leben à la Auto-Arbeit-Eigenheim beteiligt. Wir müssen aber akzeptieren, dass diese Dinge für eine Mehrheit der Bevölkerung zur Lebensrealität dazugehören. Es scheint als wären diese „simplen“ Forderungen ein Schutz davor das gesamte System infrage zu stellen. Und dennoch stehen die Menschen nun auf der Straße und Fordern „Macron démission“ (Tritt zurück, Macron!). Sie richten sich auch gegen die Verantwortlichen des Klimawandels. Sie wollen nicht für die Fehler der Regierung bezahlen. Das sind die Personen, die aus linker Perspektive keine radikale Meinung haben, mit denen wir nicht unseren Alltag teilen und deshalb nicht in unser Bild einer Aktivist*In passen.

Die aktuelle Bewegung zeigt auch, wie veraltet die Aktionsformen eines Großteils der radikalen Linken sind. Wir müssen aus unseren Blasen herauskommen und die Leute kennenlernen, die sich derzeit außerparlamentarisch und dezentral organisieren. Wir müssen unsere Ideen mit der Wirklichkeit konfrontieren und in die Debatten einbringen, die auf den Kreisverkehren ausgetragen werden. Jetzt ist auch der Zeitpunkt, an dem viele Menschen bereit sind unseren anti-autoritären, antirassistischen und feministischen Ideen Gehör zu schenken. Mit Demut und ohne Arroganz können wir unseren emanzipatorischen Gedanken einen Platz in diesen Versammlungen geben.

Solidaritea – Januar

Internationaler Aktionstag in Solidarität mit Transmenschen im Knast

Seit dem 22. Januar 2016 ist es nun Tradition den Trans Prisoner Day of
Action – ein internationaler Aktionstag in Solidarität mit Transmenschen
im Knast, zu begehen.

Diesen Tag wollen auch wir nutzen um auf die Situation von Transmenschen
im Gefängnis aufmerksam zu machen. Es ist eine Möglichkeit für uns draußen
sich an die hinter Gittern zu erinnern, Solidarität zu zeigen und ein
Bewusstsein zu schaffen für die Situation von Transmenschen im Knast.
Außerdem ist es für die, die drinnen sind eine Möglichkeit ihre Stimme
zu erheben und sich gemeinsam zu organisieren.

Knast an sich bringt Menschen Isolation, emotionale Stagnation,
reglementierte Kommunikation jenseits vom gewohnten sozialen Umfeld.
Starre Regeln und Zwänge bestimmen den tristen und grauen Alltag. Das
Leben ist gewaltvoll und von Hierarchien und Sexismus bestimmt.

Diese Situation macht es vor allem für Transmenschen schwer.
Neben all diesen Problemen, die Knast an sich bereits mit sich bringt,
sind sie mit vielen weiteren Herausforderungen konfrontiert. Das
Knastssystem ist geschlechter-binär geteilt in einen Frauen- und
Männerknast. Das bedeutet, dass Menschen nach dem im Pass eingetragenen
Geschlecht zugeteilt werden. Menschen die sich als trans*
oder queer verstehen sind in diesem System struktureller Diskriminierung
ausgesetzt. Sie sind mit einem hohen Maß an physischer, psychischer und
sexualisierter Gewalt konfrontiert. Hinzu kommt zum Beispiel auch, dass
Transmenschen oft Hormonbehandlungen verweigert wird.

Wir möchten auch dieses Jahr zusammen kommen um über Probleme zu
sprechen die Transmenschen im Gefängnis erfahren und an die Menschen
erinnern die den Knast nicht überlebt haben und Gewalt und Übergriffen
ausgesetzt waren.

Deshalb laden wir euch herzlich zum SOLIDARITEA, am 25.01.2018 ins
Malobeo ein.
Es wird Tee und Kuchen geben.
Wir wollen den Film Criminal Queers anschauen.
Außerdem wollen wir Briefe schreiben um die Menschen im Knast mental zu
unterstützen und zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.

transprisoners.net
abcdd.org

SOLIDARTEA zum Trans Prisoner Day of Action
Freitag, 25. Januar 2019, 17 Uhr
Malobeo, Kamenzerstr. 38, 01099 Dresden

Hammer und Sichel ist kein Symbol der Freiheit

An vielen öffentlichen Orten und in alternativen Treffpunkten kann mensch Leute beobachten, die Hammer und Sichel malen. Es gibt Sticker auf denen diese Symbole mit Slogans für Befreiung und Freiheit kombiniert werden. Es scheint so als wären eine Menge Menschen der Überzeugung, dass diese Symbole alle Strömungen des Kommunismus repräsentieren. Es geht sogar fälschlicherweise soweit, dass einige Anarchist*innen neben dem klassischen „A“ im Kreis auch „Hammer und Sichel“ malen um ihre Verbundenheit mir der anarcho-kommunistischen Bewegung auszudrücken.

Dieses Mal werden wir in unserer „Symbolismus“ Ecke „Hammer und Sichel“ entmystifizieren und endlich klarstellen woher diese Symbolik überhaupt kommt und womit sie assoziiert wird.

Es stimmt, dass unterschiedliche Variationen von Hämmern (auch in Kombination mit anderen Symbolen) während des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Arbeiter*innenbewegung in Verbindung gebracht werden können. Sicheln wurden zu dieser Zeit hauptsächlich verwendet um den Kampf der in der Landwirtschaft beschäftigten Menschen zu repräsentieren. Und auch schon davor wurden beide Symbolen in vielen kulturellen und sozialen Zusammenhängen in verschiedensten Variationen verwendet.

„Hammer und Sichel“ wie wir es heute kennen wurde von Yevgeny Kamzolkin, einem Künstler aus Moskau, für die Bolschewiki als Dekoration für den 1. Mai 1918 entworfen. In der Sowjetunion wurde der Symbolismus von den Bolschewiki als Teil der Ideologie der Einheit von Arbeiter*innn und Bauern*Bäuerinnen benutzt. Der 5. Allrussiche Sowjetkongress wählte „Hammer und Sichel“ als Staatssymbole der Sowjetunion (rote Flage mit Hammer und Sichel als Nationfahne der Sowjetunion) und auch als Symbole für die Rote Armee. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Bolschewiki bereits das basis-demokratische Rätesystem abgeschafft und ermordeten seit zwei Jahren politische Gegner * innen durch die Tscheka (dem Staatssicherheitsdienst). Somit war “Hammer und Sichel” von Beginn an ein Symbol für die verlorene Revolution. Und unter diesem Symbol bauten die Bolschewiki ihr repressives System weiter aus. Viele tausend Menschen, die den Ideen der Bolschewiki nicht folgen wollten, wurden von der Tscheka erschossen und GULAGs wurden errichtet in denen Millionen Menschen aufgrund von zu harter Arbeit, Hunger, Erschöpfung und widrigen Lebensbedingungen ihr Leben verloren. Mit dem großen Einfluss, den die Delegationen der Sowjetunion in der Komintern (Kommunistische Internationale) spielten, erscheint es plausibel, dass die Sowjetunion maßgeblich dazu beitrug „Hammer und Sichel“ als Symbole der kommunistischen Bewegung zu etablieren. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen adaptieren viele kommunistische Bewegungen auf der ganzen Welt diese Symbole. Auch das mörderische Regime der Roten Khmer in den 1970er Jahren in Kambodscha führte einen Genozid unter dem Symbol der “Roten Fahne mit Hammer und Sichel” durch. Heutzutage benutzen autoritäre Regime wie die Chinas, Nord Koreas, Laos‘ und Vietnams immer noch „Hammer und Sichel“.

Wie sich „Hammer und Sichel“ so weit in der deutschen Szene verbreiten konnte, ist nicht wirklich gut dokumentiert. Aber schon in den 20ern und 30ern des vorherigen Jahrhunderts benutze die KPD diese Symbole. Später verwendeten autoritäre kommunistische Gruppe „Hammer und Sichel“ als Symbole um ihre Verbundenheit mit den autoritären kommunistischen Lehren von Mao, Stalin, Trotzki und Lenin auszudrücken, all diese trugen zur Zerschlagung der revolutionären Arbeiter*innenbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts bei.

Es ist uns wichtig zu betonen, dass „Hammer und Sichel“, bis auf wenige Ausnahmen, nicht mit der anarchistischen und auch nicht mit der antiautoritären/libertären kommunistischen Bewegung in Verbindung gebracht wurde. Diese Bewegungen standen dem Bolschewismus fast von Anfang an kritisch gegenüber.

Wenn du Kleidung trägst auf der „Hammer und Sichel“ abgebildet ist oder wenn du die Symbole an die Wände der Stadt malst, in der du lebst, unterstützt du damit autoritäre kommunistische Strömungen. In Russland, und in vielen anderen Ländern auch, starben Millionen Menschen unter der roten Flagge mit Hammer und Sichel, weil sie sich gegen die Bolschewik und andere autoritäre Kommunist*innen stellten. Aus der Geschichte Europas sollten wir lernen, dass wir nicht nur die Hakenkreuze der Neonazis ablehnen, sondern uns auch vor „Hammer und Sichel“ der autoritären Kommunist*innen in Acht nehmen.

Wenn du dich jetzt fragst, wie du deine Verbundenheit zu anarcho- oder libertär-kommunistischen Bewegungen ausdrücken kannst, empfehlen wir die klassische schwarz-rote Fahne und das Circle-A.

Von Circle-A #5