Lwiw – Odesa – Kyjiw – Delegationsreise #2

Am Samstag, den 4. Juli 2026, sind wir zu unserer zweiten Delegationsreise in die Ukraine aufgebrochen. Wie bereits letzten Herbst war unser Ziel Vernetzung und Austausch. Wir waren mit Menschen von unterschiedlichen Gruppen, dem Anarchistischen Netzwerk Dresden, Anarchist Black Cross Dresden und der FAU Dresden, unterwegs. Unser Tagesziel am Samstag war Rzeszów, wo wir uns mit Leuten vom ABC Galizia getroffen haben. Mit ihnen arbeiten wir seit dem Beginn der großangelegten Invasion zusammen und es ist immer wieder schön sich zu sehen. Nach einem großartigen Barbeque haben wir dann den Start für den nächsten Tag auf 5 Uhr nach hinten verlegt, um wenigstens ein bisschen Schlaf zu bekommen. 

Nach nur vier Stunden waren wir über die Grenze und sind fast pünktlich zu unserem Treffen mit Prjama Dija in Lwiw gekommen. Die Studierendengewerkschaft haben wir bereits letztes Jahr im Oktober in Kyjiw getroffen. Wir waren gespannt auf die Leute in Lwiw, von denen uns letztes Jahr schon viel erzählt wurde. Wir haben uns in einem veganen Cafe getroffen und drei Stunden über diverse politische Themen gesprochen, unsere Gruppen vorgestellt und lecker gegessen. Die Menschen, die in der Studierendengewerkschaft sind, sind alle zwischen 18 und 23 Jahre alt. Sascha, der bereits aus der Uni raus ist, hat uns erzählt, dass sie gerne eine Gewerkschaft aufbauen wollen, in der sich Menschen auch nach dem Studium weiter organisieren können. Sascha sagt aber auch, dass er Angst hat vor der Armee. Ab 25 Jahren werden junge Männer in der Ukraine mobilisiert, er würde sich aber gerne einfach weiter gewerkschaftlich engagieren. Toni, Reja und Tanja haben uns von der Pride in Lwiw, in deren Rahmen eine queere Hochzeit stattgefunden hat, erzählt. Und wir haben uns über die Bedrohung durch Nazis in Lwiw und in Dresden ausgetauscht und wie Menschen sich angesichts dessen organisieren.

Wir haben auch Leo getroffen, eine Person, die eigentlich aus Mariupol kommt. Leo hat zwei Jahre unter der russischen Besatzung gelebt. In diesen zwei Jahren lebte Leo, wie they uns erzählte, nicht in Mariupol, sondern in einer Parallelwelt zu Hause im eigenen Zimmer. In dieser Zeit hat Leo ukrainische Bücher gelesen, die in einer leeren Schule lagen und Computer gespielt. Irgendwann wurde klar, dass es ein anderes Leben braucht und Leo ist nach Lwiw geflohen und lebt seitdem hier hier.

Nach einer kurzen Nacht in unserer wunderschönen Unterkunft in einem der alten Stadthäuser Lwiws haben wir uns kurzerhand dazu entschlossen den ältesten bestehenden Friedhof in Lwiw zu besuchen, da das jüdische Museum aus Sicherheitsgründen abgebaut und irgendwo zwischengelagert ist. Dieser Friedhof spiegelt die Komplexität der Geschichte der Region wider. Neben vielen polnischen Gräbern gibt es auch österreichische aus der österreichisch-ungarischen Monarchie und russische aus Zeit der Sowjetunion. Neben den älteren Gräbern sind die geschichtspolitischen Debatten des letzten Jahrzehnts ebenfalls zu sehen, die Glorifizierung der UPA (Ukrainische Aufständische Armee), Kriegsgräber beider Seiten aus dem polnisch-ukrainischen Krieg 1918/19, Gedenkanlagen für die Gefallenen seit 2014. Vor dem eigentlichen Friedhof befindet sich ein großes Gräberfeld mit Toten aus dem aktuellen Krieg.

Für das Mittagessen haben wir uns mit einem Genossen getroffen, der aktuell in Lwiw in der Rehaklinik ist. Jura stammt von der Krim. Vor der Besetzung gab es dort eine sehr aktive anarchistische Szene, die an vielen sozialen, ökologischen und antikapitalistischen Kämpfen beteiligt war. Nach Russlands Besetzung der Krim wurden viele Anarchist*innen inhaftiert und der Rest der Bewegung unterdrückt. Viele von ihnen beteiligen sich mittlerweile am bewaffneten Kampf gegen Russland – in der Hoffnung irgendwann wieder nach Hause zurückkehren zu können, obwohl die Aussichten darauf sehr gering sind und eine Rückkehr in nächster Zeit kaum möglich sein wird. Jura jedenfalls musste von der Krim fliehen und wurde 2025 mobilisiert, später zog er sich seine schwere Verletzung in der Schlacht um Pokrowsk zu. Er wurde von freiwilligen Sanitäter*innen gerettet, die Verletzte von der Front evakuieren und es war ein Wunder, dass sie zumindest eins seiner Beine retten konnten. Seitdem kämpft er darum, wieder laufen zu können und wartet auf eine Beinprothese. Dabei erhält er Unterstützung von Genoss*innen und Initiativen, die Veteran*innen bei der Genesung unterstützen. Formal ist er immer noch als Soldat eingeschrieben, kann aber mit einer derart schweren Verletzung die Armee verlassen, sobald er genesen ist. Das ukrainische Militär bezahlt seine Behandlung, momentan wohnt er in der Rehaklinik, sodass er mit dem Wichtigsten versorgt ist. Er will unbedingt wieder ans Meer ziehen. Durch all die schwere Zeit hat er an seinen anarchistischen Ideen, Solidarität und dem gemeinsamen Kampf festgehalten.
Vieles, was uns Jura erzählt hat, können wir hier nicht öffentlich machen, da es politische und persönliche Konsequenzen haben kann. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis diese wichtigen Geschichten öffentlich geteilt werden können. 
Es war gut sich auszutauschen und seine Perspektive zu hören. Es ist wichtig, mit den Veteran*innen des Krieges solidarisch zu sein, sie mit ihren teils schweren Verletzungen nicht allein zu lassen. Diese Fragen sind auch für uns in Deutschland relevant, also wie bewegungseingeschränkte Menschen gleichberechtigt Teil unserer Bewegung sein können.

Nach unserem Treffen haben wir uns am Montagabend auf den Weg nach Odesa gemacht. Unser Plan war, nach der  Sperrstunde, also nach sechs Uhr früh, anzukommen. Ein Gedanke dabei war auch, dass es sicherer ist, sich nachts außerhalb der Städte  aufzuhalten,  da vor allem dann Angriffe stattfinden. 
Da wir ziemlich schnell durchgekommen sind, haben wir zwei Stunden Schlafpause an einer Raststätte gemacht. Im Hinterkopf hatten wir den Gedanken, dass in letzter Zeit russische Drohnen explizit Tankstellen angreifen. Tatsächlich war das auch in dieser Nacht mehrmals der Fall, allerdings in einer anderen Region. 
Am Morgen 40 km vor Odesa gab leider die Kühlwasserpumpe unseres Autos den Geist auf. Nach längerem Hin und Her konnten wir einen Abschleppdienst organisieren. Der hatte aber nur Platz für zwei von uns, sodass wir uns in Gruppen aufgeteilt haben und getrampt, bzw. mit Marschrutka (Minibus) gefahren sind. Endlich in Odesa haben wir uns in einem großartigen Café wiedergetroffen und unsere kulinarische Reise durch Wareniki (eine Art von Teigtaschen mit Füllung, die gekocht werden; normalerweise sind die herzhaften Varianten mit Kartoffeln oder Fleisch gefüllt, die süßen mit Kirschen oder Quark), Sirniki (ähnlich wie Quarkkeulchen), Auberginenragout und andere leckere Dinge fortgesetzt. Nachdem es am Anfang nicht so gut aussah mit einer Werkstatt, konnte der Bus doch beinahe sofort repariert werden. Um sechs Uhr abends sind wir dann endlich an unserem Ziel, dem Hausprojekt CP3-2, angekommen.

Nach einem kurzen Kennenlernen sind wir direkt erstmal ins Schwarze Meer gehüpft. Das Wasser war ziemlich kalt und die Situation ein bisschen surreal. Das Haus liegt zwischen Hotels und einem Industriegebiet, ein kollektiver Ort fast am Meer. Als wir aus dem Wasser kamen, ging direkt der Luftalarm los und wir hörten eine Explosion, glücklicherweise weit weg. Wir sind also zügig zurück zum Haus gegangen und haben uns auf dem Weg auch gleich den möglichen Schutzraum angeschaut. Danach gab es eine Führung durchs Haus und eine Vorstellung von der Arbeit von Street Aid Daily (SAD). Das ist eine Initiative, die Wohnungslose Menschen in Odesa unterstützt. Im Hausprojekt lagern dabei die Spendengüter, die die Initiative  regelmäßig verteilt. 

Am Mittwoch sind wir in die Altstadt gegangen, haben uns mit einer Freundin getroffen, im Park gefrühstückt, uns die Stadt angeschaut und eine Tour im jüdischen Museum bekommen. Dabei haben wir diese Graffities in der Stadt gefunden, die an die gefallenen Genoss*innen erinnern.
Odesa ist historisch ein kosmopolitischer, stark jüdisch geprägter Ort. Die antisemitische Politik von Kaiserin Katharina schränkte 1791 das Gebiet, auf dem die jüdische Bevölkerung im Russischen Reich leben durfte, auf einen Streifen im Westen ein. Der tchum-ha-mojschew oder Ansiedlungsrayon reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und in ihm lebten Ende des 19. Jahrhunderts ca. 5 Mio. jüdische Menschen. Im jüdischen Museum haben wir gelernt, das Odesa im 19. Jahrhundert zu einem Ort neuer Möglichkeiten wurde und viele jüdische Familien dort hingezogen sind. In den 1920er Jahren war die jüdische Bevölkerung in Odesa auf ihrem Höhepunkt mit 140.000 Menschen, die ca. 44 % der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Vor dem 2. Weltkrieg hatte Odesa 80 Synagogen. 1941 wurde die Stadt allerdings von den Deutschen und Rumänen besetzt – zuerst gab es Massaker in der Stadt, gefolgt von Deportationen in die umliegenden ländlichen Gebiete, wo jüdische Bevölkerung Odesas durch Massenerschießungen beinahe komplett ausgelöscht wurde.
Wir waren sehr gespannt auf das Museum und wollten mehr über die jüdische Geschichte Odesas lernen. Unsere Guide im Museum lebt in sechster Generation einer jüdisch-odessitischen Familie in der Stadt. Auch für die Stimmung in der jüdischen Gemeinde ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine prägend. Mit dem Beginn der großangelegten Invasion haben zwei Gemeinden die Stadt verlassen. Die Ironie der Geschichte ließ die Gemeinden Zuflucht in genau den beiden Ländern finden, die verantwortlich für die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus in der Region waren – Deutschland und Rumänien. Viele sind auch nach Israel ausgewandert. Aktuell gibt es noch drei Synagogen, aber nur noch zwei Gemeinden, die sich in einer Synagoge treffen. Die jüdische Community kämpft um den Erhalt ihres kulturellen Lebens. 
Während unseres Besuchs im Museum gab es erneut einen Angriff auf Odesa.

Für Mittwochabend verabredeten wir uns zu einem gemeinsamen Treffen, zu dem auch Leute von außerhalb des Hauses kamen. Wir haben einen kurzen Input zu unserer Solidaritätsarbeit gehalten und wie diese von der politischen Situation in Deutschland und der Stimmung in der anarchistischen und linken Bewegung beeinflusst wird. Wir haben diskutiert und uns ausgetauscht über  gemeinsame Strategien im Krieg,  wie Entscheidungen getroffen werden, wie Dissens ausgehalten wird. Im Anschluss haben wir noch Kurzfilme geschaut, die das Kriegsgeschehen und Erinnerungsarbeit thematisieren.  Das Treffen musste mehrmals unterbrochen werden, da Odesa an dem Abend von russischen ballistische Raketen angegriffen wurde, wobei im Laufe der Nacht sieben Menschen getötet und mehrere verletzt wurden. An dem Abend trafen wir ganz unterschiedliche Aktivist*innen, die im Krieg waren und demobilisiert wurden oder planten, in naher Zukunft an die Front  zu gehen, aber auch solche, die  versuchen, das Land  zu verlassen. Ein wesentlicher  Bestandteil aller Diskussionen über den Krieg war, wer was als Nächstes vorhat. Die ukrainischen Genoss*innen zeigten großes Interesse an den politischen Entwicklungen im Westen und waren besorgt darüber, wie der Aufstieg der extremen Rechten die anarchistische Bewegung noch weiter beeinflussen könnte.

Vor unserer Abreise am Donnerstag waren wir nochmal im Meer. Unser Zeitplan war sehr knapp und die Zeit im Haus viel zu kurz. Wir haben eine sehr tolle Gemeinschaft kennengelernt, die sehr divers ist und aus unterschiedlichen Künstler*innen und Aktivist*innen besteht, die sich in den letzten sechs Jahren zusammen politisiert hat und gemeinsame Prinzipien vertritt. Die Menschen im Haus vereinen zwei grundlegende Gedanken, das Recht auf wohnen für alle und das Recht auf Leben für alle – im Haus gibt es nur veganes Essen. Uns hat das sehr berührt, wie die Hausbewohner*innen in diesen schweren Zeiten füreinander da sind.

Schließlich ging es nach Kyjiw, wo wir mit Freundinnen zum Abendessen verabredet waren. Die Situation in Kyjiw ist in den letzten Monaten sehr anstrengend gewesen, das erzählen uns alle, die wir treffen. Der Winter ohne Strom und Heizung hängt vielen noch nach und macht sich körperlich bemerkbar. Die veränderte Bedrohungslage raubt allen den Schlaf. Als Rache für die zerstörte russische Öl- und Gasinfrastruktur terrorisiert die russische Luftwaffe Kyjiw. Aktuell werden mehr ballistische Raketen eingesetzt. Das führt zu mehr Zerstörung. Um die Metrostation Lukjaniwska (Teil der langen U-Bahn-Linie am Westufer des Flusses) sieht es schlimm aus. Im Oktober haben wir uns dort mehrmals getroffen, gemeinsam gegessen und auf dem kleinen Markt eingekauft. Jetzt ist alles kaputt. 

Freitagvormittag hat uns eine Freundin eine Führung in Babyn Jar (auch als Babi Yar geschrieben; es handelt sich um ein tiefes Tal, in dem einer der größten Massenmorde des Zweiten Weltkriegs stattfand) gegeben. Hier fand 1941 das bis dahin größte Einzelmassaker des 2. Weltkrieges statt – 33.771 Jüd*innen (laut Statistik der Deutschen) wurden hier an nur zwei Tagen ermordet. Dieser Ort lag einstmals am Stadtrand, durch die Stadtentwicklung wurden mittlerweile Teile des ehemaligen jüdischen Friedhofs und der Tötungsstätte bebaut. Insgesamt wurden hier bis 1943 ungefähr einhunderttausend Bewohner*innen Kyjiws aller ethnischer Gruppen ermordet. Die in einer Gaskammer ermordeten Patient*innen des psychiatrischen Krankenhauses in der Nähe wurden ebenfalls hierher gebracht. Wir waren bereits bei unserem letzten Besuch in Babyn Jar und haben über die Gestaltung des Ortes gesprochen. Darüber wird teils heftig debattiert. Es gibt eine Menge Denkmäler dort, auch von berühmten Künstler*innen. Viele Menschen finden das jedoch nicht angemessen für einen Ort, an dem so viele Menschen gestorben sind, und meinen, der Raum selbst ist  Denkmal genug.
Nachmittags haben wir uns erst mit Kyjiwer Mitgliedern von Prjama Dija und dann mit Leuten von Solidarity Collectives im neuen Büro von SolCol getroffen. Beide Initiativen haben über ihre aktuelle Arbeit gesprochen und wir haben uns ausgetauscht, was seit unserem letzten Besuch passiert ist.

Bisher hatten wir Glück in Kyjiw und konnten relativ ruhig schlafen, aber in der Nacht zu Samstag gab es Raketenangriffe und wir mussten runter in den Keller. Ein großes Problem besteht aktuell darin, dass bei ballistischen Raketen nach dem Alarm nur c. 3 bis 5 Minuten Zeit bleiben, um sich in Sicherheit zu bringen. In dieser Nacht schlugen die ersten Raketen sogar noch vor dem Luftalarm  ein. Wir sind also nach der ersten Welle runter und haben gewartet. Glücklicherweise blieb es dabei und wir konnten nach circa einer Stunde wieder in unsere Betten. 

Am Samstagnachmittag waren wir noch einmal bei SolCol, haben uns die DIY-Manufaktur für (FPV)-Drohnen angesehen und bei Renovierungsarbeiten geholfen.
Anschließend, gegen Abend, sind wir gemeinsam zur Finissage der „Solidaritäts-Ausstellung“ in der Galerie „Hinaus“ im  Stadtteil Podil gegangen. Die Galerie hat in Kooperation mit SolCol eine Ausstellung mit ukrainischen Gegenwartskünstler*innen organisiert. Die Ausstellung hilft SolCol vor allem, auch innerhalb der Ukraine bekannter zu werden und Spenden durch den Verkauf der Ausstellungsstücke zu sammeln. Einen Monat vor dem Beginn der Ausstellung wurde Podil bei Angriffen schwer getroffen und auch die Galerie wurde beinah komplett zerstört. Aber mit vielen helfenden Händen konnte sie wieder aufmachen, wenn auch etwas improvisiert. Das aktuelle Ambiente unterstützt allerdings die Wirkung der Ausstellung, die sich mit dem Krieg aus verschiedenen künstlerischen Perspektiven beschäftigt.

Am Sonntag war wieder Museumstag. Über das große Außengelände, wo Militärausrüstung aus dem 2. Weltkrieg und von heute ausgestellt ist, sind wir vorbei an sowjetischen Skulpturen zur riesigen Statue „Mutter Heimat“ gelaufen. Sie symbolisiert den Sieg der Roten Armee gegen Nazideutschland und beinhaltet in ihrem Sockel das Kriegsmuseum. Die Ausstellungen dort haben bei uns sehr unterschiedliche Gefühle ausgelöst. Zuerst gab es eine kleine Ausstellung zu 10 Jahren Spezialeinheit der ukrainischen Armee, die in einem Comicstil sehr glorifizierend gestaltet ist. In einer anderen Ausstellung werden die Geschichten von internationalen Freiwilligen in der ukrainischen Armee erzählt, die sehr unterschiedliche Motivationen und politische Einstellungen haben, was in der Ausstellung aber nicht thematisiert wird. „War: Inverse Perspective“ wiederum zeigt verschiedene künstlerische Umgänge mit dem 2. Weltkrieg und der russischen Invasion. Im Eingangsbereich der Ausstellung geht man durch ein Relief aus dem sozialistischen Realismus hindurch, um dann „ins Innere“ schauen zu können.

Spannend war auch die Ausstellung von drei Künstlerinnen aus der Ukraine und Deutschland. Eine von ihnen hat durch ein Fotoalbum davon erfahren, dass ihr Großvater als Wehrmachtssoldat in der Ukraine war und viele Fotos aus der Perspektive der Besatzer gemacht hat, die teilweise wie Touristenfotos wirken. Dem wird die Perspektive der ukrainischen Familiengeschichte unter der Besatzung gegenübergestellt, ergänzt durch mehrere künstlerische Arbeiten der heutigen Generation. Insgesamt gibt es aktuell an diesem Ort sehr verschiedene Wege, sich mit Krieg zu beschäftigen. 

Bei Sonnenuntergang haben wir zwei Orte besucht, an denen Gedenkbäume für gefallene Anarchist*innen gepflanzt wurden. Es gibt nach mehr als vier Jahren Krieg verschiedene Umgänge mit dem Verlust innerhalb der Bewegung. Solidarity Collectives hat dazu auch ein Zine veröffentlicht: https://www.solidaritycollectives.org/en/zine/

Am Montag haben wir einen Spaziergang durch die Innenstadt und über den Majdan, den Unabhängigkeitsplatz, gemacht und die Ausstellung zur Revolution 2014 angeschaut. Bewegend war die Unterbrechung durch eine Beerdigung. Oft werden die gefallenen Soldaten in einem Konvoi mit Fahnen und manchmal auch Musik durch ihre Stadt zum Friedhof gefahren. Dabei halten die Menschen am Straßenrand inne und zeigen ihre Anteilnahme. 

In der Nacht zu Dienstag gab es mehrere Angriffe mit ballistischen Raketen auf Kyjiw, die aber (weitestgehend) von der Luftabwehr abgefangen werden konnten.

Am Morgen fand eine Sitzung im Rathaus von Kyjiw statt, weil die Ticketpreise auf das Dreifache erhöht werden sollen. Vorm Rathaus hat Sozialnyj Ruch (Gruppe Soziale Bewegung) mit Unterstützung der Studierendengewerkschaft Prjama Dija deswegen Protest organisiert, an dem wir teilgenommen haben. Es wurden Sprüche wie „Brot oder Metroticket?“ und „Bist du ein Bürgermeister oder ein Dieb?“ gerufen. In den Reden wurde der Zusammenhang mit den sehr teuren Mieten in Kyjiw betont: Wer sich keine Wohnung im Zentrum leisten kann, ist umso mehr auf die Metro angewiesen. Außerdem hat ein Teilnehmer der Revolution 2014 davon berichtet, dass die Verteuerungen alte Menschen besonders hart treffen, weil die Renten sehr niedrig sind und nicht mitsteigen.

Am Nachmittag haben wir das Folk Architekture Freilichtmuseum angeschaut, wo vorindustrielle Dörfer aus allen Teilen der Ukraine ausgestellt werden. Leider waren die Häuser an dem Tag verschlossen, sonst hätten wir dort viel über traditionelles Handwerk lernen können. Auch so war es sehr interessant und gleichzeitig entspannt, aus dem Trubel dieser riesigen Stadt rauszukommen.

Bevor wir wieder nach Dresden aufgebrochen sind, haben wir uns mit Menschen von Solidarity Collectives und Prjama Dija zu einem Abschiedsabendessen getroffen.

Es war wieder eine sehr bewegende Reise mit vielen Eindrücken und Begegnungen, die uns gezeigt hat, das Solidarität Perspektiven verändert, Austausch und Verbindungen stärkt und Menschen einander näher bringt. Vielen Dank an alle, die das möglich gemacht und die Spendenkampagne unterstützt haben.

Wir sammeln bereits Geld für unsere Reise im Oktober.
Wie schon im letzten Jahr werden wir auch dieses Mal wieder eine humanitäre Reise unternehmen. Wir fahren nach Charkiw, um Vertriebene in zwei Wohnheimen zu besuchen.
Bitte unterstützt uns mit einer Spende: https://whydonate.com/fundraising/solidaritatsreise-unterkunfte-fur-kriegsvertrieben-in-charkiv-ukraine

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